Der Spitz in Gedichten von Pfeffel (ab 1777)

Der Pommer und der Kater (1777)

Ein Pommer ward von einem Schusse lahm,
Der seinem Herrn, den er beschützen wollte,
Verrätherisch das Leben nahm.
Unwissend, wie er nun sein Brod gewinnen sollte,
Kroch er betrübt bis in die nächste Stadt,
An deren Thor ein Kater zu ihm trat,
Dem eines Abtes Koch vor wenig Tagen,
Weil er ein Rebhuhn stahl, das Bein zerschlagen.
Bedrängte werden gleich bekannt:
Sie unterhielten sich von ihren Unglücksfällen.
Zuletzt sprach Mauz: Freund, laß uns durch das Land
Als ein paar treue Spießgesellen
Hausieren gehn. Der Pommer sagte, nein:
Wir sind zwar beyde lahm; allein
Ich möchte doch nicht gern mit dir verglichen werden.

War dieses Stolz? – Nur ihr könnt Richter seyn,
Ihr feinern Seelen. Kann auf Erden
Der Tugend größers Leiden drohn,
Als Prüfungen, die ihren Werth erhöhen,
Mit des verworfnen Lasters Lohn
Vor aller Welt vermengt zu sehen?


Der Knabe und der Hund. (1785)

Von einem Hund geleitet, schlich
Ein blinder Greis an seinem Stabe
Durch eine Stadt. Ein frecher Knabe,
Der Spitzbarts Israelchen glich,
Schnitt, um sich einen Spaß zu machen
Des Manns Compaß, den Strick entzwey,
„Flieh“, sprach er, „Philax, du bist frey;
Dein Graukopf mag sich selbst bewachen.“
Der Pommer fuhr dem kleinen Wicht
Voll edeln Grimmes an die Waden,
Und sagte: „nein, ich fliehe nicht,
Du willst mir wohlthun, um zu schaden.“


Der Hauswächter (1796)

Kunz nahm zu seines Hofes Wächter
Sich einen jungen Pommer an.
Sein Weib nahm einen jungen Pächter,
Aus andern Gründen zum Galan.

Einst brach ein Dieb in seine Stube,
Der Pommer schlief, der Alte nicht;
Er schoß nach ihm, allein der Bube
Entwischte seinem Strafgericht.

Nun greift er nach dem Stock und bläuet,
Der Hundepädagogik treu,
Dem armen Spitz, der Zeter schreiet,
Den mürben Rückgrat halb entzwei.

Die Nacht darauf ging Kunz zu Biere,
Da schlich der Buhle sich ins Haus;
Spitz war gewarnt, er sprengt die Türe,
Und bellt und rast und treibt ihn aus.

Die Frau hascht einen Brand vom Herde,
Und wütend, wie ein Weib sich rächt,
Streckt sie den armen Spitz zur Erde.
Zween Herren dient man selten recht.


Die Hunde. (1798)

Vor Zeiten da die Hunde noch
Entfremdet von des Menschen Joch
Nomadisch in den Wäldern haussten,
Fiel manchem seine Nahrung schwer,
Weil ihnen Wol fund Fuchs und Bär
Aus Missgunst oft das Fell zerzaussten.
Allein sie waren frey: der Krieg
Gab ihnen Kraft, und Ruh der Sieg,
Und wenn die grauen Helden starben,
So küssten Enkel ihre Narben,
Und schwuren brav wie sie zu seyn.
Zuletzt, durch stete Balgereyen
Ermüdet giengen die Partheyen
Den Theilungsplan des Bären ein,
Der sich, dem Wolf und Fuchs die Wälder,
Der Hundezunft die flachen Felder,
Zur Wildbahn vorschlug. Anfangs war
Der kriegserfahrnen Hundeschaar
Die Jagd ergiebig; Feld und Wiesen
Gewährten ihnen reiche Prisen
An Haasen und an kleinerm Wild,
Das sie mit Siegsgeschrey verzehrten.
Allein je stärker sie sich mehrten,
Je leerer wurde das Gefild;
Bald gab es gar nichts mehr zu jagen
Und nun trat bittrer Mangel ein;
Die muthigsten (ein leerer Magen
Gehorchet keinem Grenzverein)
Bestürmten einen nahen Hain
Und wurden, ungeübt im Streite,
Weil, wenn der Hund mit Haasen kriegt,
Sein Haupttalent im Laufen liegt,
Der Bären und der Wölfe Beute.
Nun wollte zwar die Colonie,
Aus Hunger Obst und Wurzeln kauen,
Allein die Armen lernten sie
So wenig als das Gras verdauen.

Jetzt schlich ein abgezehrter Greis,
Ein Pudel war’s, in ihren Kreis
Und sprach: was wollen wir uns plagen,
Mit Müh und Fahr in Wald und Flur,
Um jeden Bissen uns zu schlagen?
Wagt ihr’s dem König der Natur
Euch zu Gehülfen anzutragen,
So habt ihr Obdach, Schutz und Brod.
Er schwieg. Der Schlauste der Sophisten
Der alles übertäubt, die Noth,
Half ihm die Brüder überlisten.
Die Motion ward dekretirt,
Und Vater Pudel deputiert,
Die Unterhandlung anzufangen.
Gescheute Köpfe krönt das Glück;
Der Mensch gewährte sein Verlangen
Und keine Woche war vergangen
So kam schon der Legat zurück.
Mit vollem Wanst und glatten Backen
Trug er zum Pfand der Allianz
Ein goldnes Halsband um den Nacken
Und bunte Schleifen auf dem Schwanz.
Das war ein Jubel! Die Verwandten
Empfiengen ihren Abgesandten
Mit Feldmusik und Ringeltanz.
Nun traten die verschiednen Casten,
Bey Hirten, Bauern und Dynasten
In ihre neuen Aemter ein.

Der erste Tag glich einem Feste:
Die Wirthe gaben froh die Reste
Der Mahlzeit preis, um ihre Gäste
Zu Bundgenossen einzuweihn.
Entzückt pries jeder seinen Retter
Und sein Geschick, ward täglich fetter
Und heimischer. Doch dieser Schein
Des Glücks bestand nur wenige Wochen;
Der Freund ward nach und nach ein Knecht;
Die Hauskost wurde schmal und schlecht,
Bald war’s ein abgeschälter Knochen,
Bald Spühlicht oder hartes Brod;
Und fand zu seines Zwingherrn Freude
Durch ihn ein Haas, ein Hirsch den Tod,
Da war sein Lohn das Eingeweide.
Mit jedem Jahre wuchs das Maas
Des Grames, der den armen Thieren,
Dem Krebse gleich, am Herzen frass;
Und wollte jemand protestieren,
So hiess es: schweig du Rabenaas!
Mit einem Worte: Knut und Bande
Und Kerker waren meist ihr Loos.
Stieg einer in des Glückes Schooss,
So that er’s auf dem Weg der Schande;
Er kaufte sich der Schönen Gunst
Durch Schmiegen und durch Speichellecken
Und durch der Gaukler schnöde Kunst
Erwarb er sich die Huld der Gecken.
Noch mehr; er durfte kaum noch schreyn,
Liess dieser, um ihn aufzuputzen,
Die Ohren und den Schwanz ihm stutzen;
Und trat zuletzt das Alter ein,
So machten oft dem Hofbeschützer,
So wie dem faulen Stubensitzer,
Ein an den Hals gehenkter Stein,
Ein Schuss, ja selbst des Henkers Hände
Durch einen Keulenschlag, ein Ende.
Auch sahen viele nie das Licht,
Die man bey der Geburt ersäufte,
Damit sich ihre Zahl nicht häufte,
Und ihre Mütter wagtens nicht
Die seufzende Natur zu rächen.
Doch endlich weckten Harm und Wuth
Des armen Völkleins trägen Muth;
Man fieng von Freyheit an zu sprechen.
In einem heimlichen Senat
Gab einst ein Pommer laut den Rath
Das Joch der Sklaverey zu brechen.
Krieg! rief der helle Haufen, Krieg!
Nur ein bejahrter Dogge schwieg
Und als der ganze Rudel wollte
Dass er sein Urtheil sagen sollte,
Sprach er: ihr wollt die Knechtschaft fliehn,
Wollt frey seyn? gut, ihr könnt es werden.
Doch wollt ihr dann auch den Beschwerden
Des schönen Kampfs euch unterziehn?
Wollt ihr, wie zu der Väter Zeiten,
Euch in den unwirthbaren Wald
Um euern kargen Unterhalt
Mit Wölfen und mit Bären streiten?
Ihr kennt des Menschen Allgewalt;
Wollt ihr, verfolgt euch seine Rache,
Dem Tode für die gute Sache
Mit kaltem Trotz entgegen gehn?
Wollt ihr … hier schwieg der Demosthen.
Warum? Ei weil die Freyheitshelden
Geschreckt in ihre Kerker flohn.
Diess war doch ohne Ruhm zu melden,
Dein Werk, Civilisation!


Gottlieb Conrad Pfeffel (1736–1809)

Er war ein elsässischer Schriftsteller und bedeutender Fabeldichter der Aufklärung. Trotz früher Erblindung erhielt er eine gute Bildung und gründete 1773 in Colmar eine fortschrittliche Erziehungsanstalt, die er lange leitete.

Berühmt wurde er vor allem durch seine Fabeln, in denen er, ähnlich wie Gotthold Ephraim Lessing, menschliche Schwächen und gesellschaftliche Missstände kritisch und oft humorvoll darstellte. Seine Werke verbinden moralische Lehren mit feiner Ironie und machten ihn zu einem der wichtigsten Fabelautoren seiner Zeit.


Quellenangaben:

Poetische Versuche (2. Band), Gottlieb Conrad Pfeffel, Verlag: Wilhelm Haas, 1789

https://gedichte.xbib.de/pfeffel_gedicht_Der+Hausw%E4chter.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Pfeffel,+Gottlieb+Konrad/Gedichte

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/musenalmanach-1798/hunde/

Bilder:
Pfeffel: commons.wikimedia.org
Pommer & Kater: ki-generiert, nachbearbeitet



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