Rasseportrait: Der ausgewanderte Deutsche Spitz

Der American Eskimo Dog (kurz AED), von seinen Liebhabern oft einfach „Eskie“ genannt, gilt als nordamerikanischer Nachfahre jener weißen Spitzhunde, die im 19. Jahrhundert mit europäischen Einwanderern in die Vereinigten Staaten gelangten. Trotz seines Namens besteht keine nachweisbare Verbindung zu den Eskimo-Völkern oder arktischen Schlittenhunden.
Die Rasse wird von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) bis heute nicht anerkannt. In den Vereinigten Staaten besitzt der American Eskimo Dog jedoch seit 1995 die volle Anerkennung des American Kennel Club (AKC) und wird dort als eigenständige Spitzrasse geführt.
Herkunft und Entwicklung
Der American Eskimo Dog gehört zu den bemerkenswertesten Spitzrassen Nordamerikas. Obwohl sein Name eine Verbindung zu den Eskimo-Völkern und den arktischen Schlittenhunden vermuten lässt, hat seine Herkunft ganz andere Wurzeln. Nach Angaben des American Eskimo Dog Club of America geht die Rasse auf europäische Spitze zurück, die im Laufe des 19. Jahrhunderts mit Einwanderern in die Vereinigten Staaten gelangten. Insbesondere deutsche Siedler brachten damals ihre Hunde mit.



Im Amerika des 19. Jahrhunderts war der Spitz vor allem in den Siedlungsgebieten deutschstämmiger Einwanderer verbreitet. Dort erfüllte er, wie in seiner Heimat auch, verschiedene Aufgaben als Wach-, Hof- und Begleithund. Seine Vielseitigkeit, seine Wetterfestigkeit und seine Aufmerksamkeit machten ihn zu einem geschätzten Helfer im Alltag. 1


Große Bekanntheit erlangte die Rasse gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Zirkushund. In zahlreichen Wanderzirkussen der Vereinigten Staaten wurden American Eskimo Dogs für Kunststücke und Vorführungen eingesetzt. Die Quellen führen dies auf ihre hohe Intelligenz, ihre ausgeprägte Lernfähigkeit, ihre Beweglichkeit sowie ihr auffälliges weißes Haarkleid zurück. Die Tätigkeit als Zirkushund trug wesentlich dazu bei, die Rasse über ihre ursprünglichen Einwanderergemeinschaften hinaus bekannt zu machen.

Im Laufe ihrer Entwicklung erhiehlt die Rasse verschiedene Bezeichnungen: Zunächst wurde sie als „Spitz“, später als „Eskimo Spitz“ oder „American Eskimo Spitz“ geführt, bevor sich schließlich die heute gebräuchliche Bezeichnung „American Eskimo Dog“ etablierte.
Aufgrund einer zunehmenden antideutschen Stimmung während und nach dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten änderte der UKC den Namen der Rasse im Jahr 1925 in „American Spitz“. Im Jahr 1926 wurde der Rassename erneut in „American Eskimo Spitz“ geändert, bis schließlich im Jahr 1926 das Wort „Spitz“ vollständig aus dem Namen entfernt wurde. 2
Die organisierte Zucht erhielt vergleichsweise spät feste Strukturen. Der American Eskimo Dog Club of America wurde 1985 gegründet und begann 1986 mit der Registrierung der Hunde. Im Jahr 1993 wurde das Zuchtbuch in das Register des American Kennel Club (AKC) überführt, wodurch mehr als 1.750 Hunde als Foundation Stock in das Zuchtbuch des AKC aufgenommen wurden. Erst 1995 erhielt die Rasse die vollständige Anerkennung durch den American Kennel Club. 3
Erscheinungsbild
Der American Eskimo Dog wird im offiziellen Standard als kleiner bis mittelgroßer Hund nordischen Spitztyps beschrieben. Sein Erscheinungsbild vereint Kraft, Beweglichkeit, Aufmerksamkeit und Eleganz. Der Hund soll kompakt gebaut, ausgewogen proportioniert und mit ausreichender Knochenstärke ausgestattet sein.
Typisch für die Rasse sind die aufrecht getragenen dreieckigen Ohren, die dunklen Pigmentierungen an Nase, Lefzen und Augenrändern sowie das üppige weiße Haarkleid. Die Kopfform entspricht dem klassischen Spitztyp mit leicht gewölbtem Schädel, deutlich erkennbarem Stop und keilförmig zulaufendem Fang. Die Augen sollen leicht oval, aufmerksam und intelligent wirken.
Besonders charakteristisch ist das doppelte Haarkleid. Es besteht aus einer dichten Unterwolle und längerem Deckhaar, das gerade und ohne Locken oder Wellen anliegt. Im Bereich von Hals und Brust bildet das Fell eine ausgeprägte Halskrause, die bei Rüden meist stärker entwickelt ist als bei Hündinnen. Die Hinterläufe weisen eine reichliche Befederung auf, während die über dem Rücken getragene Rute von langem, üppigem Haar bedeckt wird.


Der Standard enthält die folgenden drei Größenvarianten:
Die Toy-Variante erreicht eine Widerristhöhe von 23 bis 30 Zentimetern
die Miniature-Variante von über 30 bis 38 Zentimetern und
die Standard-Variante von über 38 bis 48 Zentimetern.
Innerhalb der jeweiligen Größenklasse besteht keine Bevorzugung bestimmter Größen.
Als bevorzugte Farbe gilt reines Weiß. Zugelassen ist darüber hinaus Weiß mit sogenannten „Biscuit-Cream“-Abzeichen, einem hellen cremefarbenen Ton. Andere Farben sind nach dem Standard ausgeschlossen.
In der Bewegung soll der American Eskimo Dog einen mühelosen, ausgewogenen und raumgreifenden Trab zeigen. Dabei werden ein guter Vortritt der Vorderhand und ein kräftiger Schub aus der Hinterhand gefordert. 4
Wesen und Eigenschaften
Der American Eskimo Dog wird als intelligenter, aufmerksamer und freundlicher Hund beschrieben. Gleichzeitig wird betont, dass er Fremden gegenüber häufig eine gewisse Zurückhaltung zeigt. Übermäßige Ängstlichkeit oder Aggressivität gelten hingegen als unerwünscht.¹²
Seine enge Bindung an den Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegenden Quellen. Der American Eskimo Dog möchte aktiv am Familienleben teilnehmen und sucht den engen Kontakt zu seinen Bezugspersonen. Eine soziale Isolation kann das Wesen und die allgemeine Verhaltensentwicklung der Hunde negativ beeinflussen.
Typisch für die Rasse ist ihre hohe Lernfähigkeit. Der Rassestandard hebt hervor, dass der American Eskimo Dog neue Aufgaben schnell erlernt und bestrebt ist, seinem Menschen zu gefallen, was auch Besitzer so bestätigen können. Ebenso wird beschrieben, dass viele Hunde neue Kommandos nach nur wenigen Wiederholungen verstehen und häufig sogar durch Beobachtung anderer Hunde oder Menschen erlernen können.
Neben ihrer Intelligenz verfügen viele Vertreter der Rasse über ein hohes Maß an Eigenständigkeit. Dem Eskie wird Erfindungsreichtum, Selbstständigkeit, Territorialverhalten und gelegentlich auch einen gewissen Eigensinn zugesprochen. Gerade diese Kombination aus Intelligenz und Selbstständigkeit macht den Reiz der Rasse aus, verlangt jedoch gleichzeitig nach einer konsequenten und verständigen Führung.
Als Wachhund besitzt der American Eskimo Dog bis heute seine ursprünglichen Anlagen. Er meldet ungewöhnliche Ereignisse zuverlässig durch Bellen und schützt Haus und Familie aufmerksam, ohne dabei ein ausgeprägtes Angriffsverhalten zu zeigen.
Haltung und Verwendung
Die ursprüngliche Verwendung des American Eskimo Dog war ausgesprochen vielseitig. Der Rasseclub beschreibt ihn als Wachhund, Begleithund und vielseitigen Arbeitshund. Darüber hinaus wurden und werden einzelne Hunde zum Hüten von Nutztieren, als Therapiehunde oder für verschiedene Hundesportarten eingesetzt.
Seine hohe Intelligenz verlangt nach regelmäßiger geistiger und körperlicher Beschäftigung. Aktivitäten wie ausgiebige Wanderungen, Agility, aber auch Hütearbeit und andere Leistungsdisziplinen können eine ideale Beschäftigung für den Eskie sein. Fehlende Auslastung wird ausdrücklich als Ursache zahlreicher Verhaltens- und Ausbildungsprobleme genannt. 5

Für die Erziehung wird eine frühe Sozialisierung als besonders wichtig angesehen. Der Kontakt zu unterschiedlichen Menschen, Tieren und Umweltsituationen soll bereits im Welpenalter gefördert werden. Positive Trainingsmethoden gelten dabei als besonders geeignet, da die Rasse eng mit ihrem Menschen zusammenarbeitet und auf Lob sowie Motivation gut anspricht.
Die Fellpflege gestaltet sich vergleichsweise unkompliziert. Regelmäßiges Bürsten hilft dabei, lose Haare zu entfernen und Verfilzungen vorzubeugen. Aufgrund des dichten Doppelfells sollte insbesondere während des Fellwechsels auf eine sorgfältige Pflege geachtet werden.
Gelegentlich wird dem American Eskimo Dog ein ausgeprägter Jagdtrieb zugeschrieben. Diese Einschätzung beruht häufig auf der Interpretation des englischen Begriffs „prey drive“, der in verschiedenen amerikanischen Rassebeschreibungen erwähnt wird. Der Begriff beschreibt jedoch nicht ausschließlich Jagdverhalten im engeren Sinne, sondern umfasst allgemein die Motivation eines Hundes, auf Bewegungsreize zu reagieren. Dazu gehören Verhaltensweisen wie Verfolgen, Apportieren, Hüten oder das Interesse an bewegten Objekten. Im nordamerikanischen Sprachgebrauch wird „prey drive“ zudem häufig im Zusammenhang mit Arbeits- und Hüteverhalten verwendet. Entsprechend berichten amerikanische Zucht- und Rasseorganisationen von American Eskimo Dogs, die erfolgreich im Hüteeinsatz oder in entsprechenden Hundesportarten geführt werden. Die offiziellen Rassestandards von AKC und UKC beschreiben den American Eskimo Dog als aufmerksamen, intelligenten und vielseitigen Begleithund, nennen jedoch keinen ausgeprägten Jagdtrieb als rassetypisches Merkmal. Wie beim Deutschen Spitz können individuelle Hunde selbstverständlich ein unterschiedliches Interesse an Wild oder bewegten Reizen zeigen.
Gesundheit
Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa zwölf bis fünfzehn Jahren zählt der American Eskimo Dog zu den langlebigen Hunderassen. Insgesamt wird die Rasse als vergleichsweise gesund beschrieben.
Es gibt beim Eskie erbliche Erkrankungen, dazu gehören u a. die Hüftgelenksdysplasie sowie die Progressiven Retinaatrophie (PRA), einer erblichen Erkrankung der Netzhaut. Für beide Erkrankungen stehen inzwischen Untersuchungs- beziehungsweise Testverfahren zur Verfügung, die verantwortungsbewussten Züchtern helfen, das Risiko einer Weitergabe an nachfolgende Generationen zu reduzieren.
American Eskimo Dog vs. Deutscher Spitz
Der American Eskimo Dog und der Deutsche Spitz haben sich über mehr als ein Jahrhundert auf unterschiedlichen Kontinenten entwickelt. Während der Deutsche Spitz in Europa seine ursprüngliche Rolle als Hof-, Wach- und Begleithund bewahrte, wurde der American Eskimo Dog in Nordamerika zu einer eigenständigen Rasse mit eigener Zuchtgeschichte und eigenen Schwerpunkten weiterentwickelt. Beide Rassen sind daher heute weder identisch noch austauschbar.
| Merkmal | American Eskimo Dog (AED) | Deutscher Spitz |
|---|---|---|
| Herkunft | Vereinigte Staaten; entstanden aus weißen europäischen Spitzhunden deutscher Einwanderer | Deutschland; eine der ältesten mitteleuropäischen Hunderassen |
| FCI-Anerkennung | Nicht von der FCI anerkannt | Von der FCI anerkannt (Gruppe 5, Sektion 4) |
| AKC-Anerkennung | Seit 1995 als eigenständige Rasse anerkannt | Nicht vom AKC als eigenständige Rasse geführt |
| Größenklassen | Toy: 23–30 cm Miniature: 30–38 cm Standard: 38–48 cm | Zwergspitz: 18–24 cm Kleinspitz: 24–30 cm Mittelspitz: 30–40 cm Großspitz: 42–50 cm Wolfsspitz/Keeshond: 43–55 cm |
| Farbe | Ausschließlich Weiß oder Weiß mit cremefarbenen Abzeichen | Verschiedene Farben (außer beim Wolfsspitz) |
| Kopf | Etwas harmonischer und weicher modelliert, oft ausgeprägter Stop | Tendenziell keilförmiger und kantiger bzw. trockener wirkend |
| Augen | Runder, freundlich und auch in helleren Brauntönen | Je nach Varietät schräger angesetzt und mandelförmig |
| Fell | Sehr üppig, manchmal feiner und dichter | Je nach Varietät etwas borstiger, sollte abstehend und nicht zu weich und fein sein |
| Wesen | Familienbezogen, lernfreudig, menschenorientiert; häufig für Hundesport geeignet | Wachsam, aufmerksam, selbstständig und oft etwas reservierter sowie misstrauisch |
| Historische Nutzung | Haus-, Wach- und Begleithund; später auch Zirkushund | Hof-, Haus-, Wach- und Begleithund |
| Verbreitung | Vor allem USA und Kanada | Europa, insbesondere Deutschland und angrenzende Länder |

Die gemeinsamen Wurzeln sind bis heute deutlich erkennbar. Erscheinungsbild, Fellstruktur, Ausdruck, Verhalten und zahlreiche rassetypische Eigenschaften zeigen, dass beide Populationen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Die Unterschiede sind vor allem das Ergebnis einer langen, voneinander unabhängigen Zuchtentwicklung und nicht die Folge grundlegend verschiedener Abstammung.
Gerade diese enge historische und genetische Verwandtschaft führte dazu, dass der American Eskimo Dog zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine besondere Bedeutung für die Erhaltung des Deutschen Großspitzes erlangte. Als die Population des Großspitzes in eine kritische Situation geriet, wurde der American Eskimo Dog als geeignete Möglichkeit angesehen, neue genetische Vielfalt einzubringen, ohne den charakteristischen Spitztyp grundlegend zu verändern.
Die Geschichte dieser Einkreuzung und ihre Auswirkungen auf die heutige Großspitzzucht werden in einem weiteren Beitrag näher beleuchtet.
Quellenverzeichnis
- American Eskimo Dog Club of America (2009): Congratulations on Your New American Eskimo. Informationsbroschüre des American Eskimo Dog Club of America.
- American Kennel Club (1994): Official Standard of the American Eskimo Dog. Approved October 11, 1994; Effective November 30, 1994.
- American Eskimo Dog Club of America (1994): American Eskimo Dog Breed Standard. Approved October 11, 1994; Effective November 30, 1994.
- Lindsay, Steven R. (2000): Handbook of Applied Dog Behavior and Training, Volume 1: Adaptation and Learning. Iowa State University Press.
- Coppinger, Raymond & Coppinger, Lorna (2001): Dogs: A New Understanding of Canine Origin, Behavior and Evolution. University of Chicago Press.
- McConnell, Patricia B. (1996): The Other End of the Leash bzw. verschiedene Veröffentlichungen zum Hüteverhalten und der modifizierten Beutefangsequenz.
Fotos:
Mohan Nannapaneni auf Pixabay
carpenter844 auf Pixabay
Cristina Anne Costello auf unsplash.com
Zirkushunde: Leslie Jones
Fußnoten:
- Study: Genetic Diversity Testing for American Eskimo Dog, UC Davis Veterinary Genetics Laboratory, 2001 – Breed History ↩︎
- Die Rückführung des American Eskimo Dog, Janet Scheidig, www.der-deutsche-spitz.de ↩︎
- AEDCA, American Eskimo Club, www.akc.org, publiziert 2009 ↩︎
- American Eskimo Dog Breed Standard (AEDCA), publiziert 1994 ↩︎
- AEDCA, American Eskimo Club, www.akc.org, publiziert 2009 ↩︎



