In einer finstern Regennacht ging ein Arzt, der in einer großen Seestadt wohnte, aus einer Gesellschaft nach Haus, als er plötzlich zwischen dem Brausen des Windes und dem Geplätscher des strömenden Wassers wimmernde Töne zu vernehmen glaubte. Er stand still und überzeugte sich bald, daß er richtig gehört habe. In der Dunkelheit näherte er sich dem Orte, von welchem das Stöhnen kam, und entdeckte in der Tiefe einer Gosse einen Hund, der halbtodt dort lag, und dem Verscheiden nahe schien. — Der mitleidige Mann zog ihn aus seinem nassen Grabe, trug ihn in die Nähe einer Laterne und sah, daß es ein kleiner Spitz war, der, blutend und von Schmutz bedeckt, nur schwache Zeichen des Lebens gab. Sein Kopf war beschädigt und sein einer Vorderfuß gebrochen; wahrscheinlich war er von einem Wagen übergefahren worden und man hatte ihn als todt in die Gosse geworfen. Der Arzt bedachte sich einen Augenblick, bald aber siegte sein Mitgefühl. Mein Beruf ist es, allen Leidenden beizustehen, sagte er. Ob es ein Mensch sei oder ein Thier, ist einerlei; ich kann den armen Verunglückten, der hier seufzt und ächzt, unmöglich in der Kälte und Nässe liegen und umkommen lassen, ohne zu versuchen, ob er nicht gerettet werden kann. — Mit diesen Worten wickelte er den Spitz in ſein Taschentuch, nahm ihn unter den Arm und trug ihn nach Haus.

Dort angekommen, reinigte er seinen Schützling, untersuchte dessen Wunden, verband sie und legte um den gebrochenen Fuß kunstgemäß die Schienen und Umschläge, welche nöthig waren. Nach einigen Stunden erholte sich das Thier, der Arzt gab ihm ein wenig Milch, die er begierig leckte, und ein Gefühl der Freude erfüllte den guten Mann, als er sah, wie der Hund folgsam, als wisse er, daß Alles was geschehe zu seinem Besten sei, sich den Anordnungen des Arztes unterwarf. Er blickte mit seinen treuen klugen Augen seinen Wohlthäter dankbar an und versuchte einige schwache Liebkosungen, bis er erschöpft von den Schmerzen und überstandenen Leiden sich auf dem Lager ausstreckte, das der Arzt ihm bereitet hatte.
Drei Wochen lang ward er sorgsam behandelt und gepflegt, und endlich war er völlig hergestellt. Sein Bein war wieder ganz, und lustig bellend sprang er dem Arzt entgegen, wenn dieser von seinen Geschäften nach Haus kehrte. Es war ausgemacht, daß das struppige, gelbe Spitzchen bei seinem rettenden Freunde bleiben sollte, aber eines Tages, als man ihm die Thür öffnete, lief er davon und kam nicht wieder.
Der Arzt war über dieſe Undankbarkeit betrübt und ärgerlich, er konnte sie lange nicht vergessen. Nach einem halben Jahre noch, als einer seiner Freunde, ein Schiffskapitain, ihn besuchte, der eben von einer weiten Seereise auf seiner Fregatte in den Hafen zurückgekehrt war und den ein schöner spanischer Bluthund begleitete, erzählte er die Geshhichte.
Man spricht so viel von der Dankbarkeit und Klugheit der Thiere, sagte er, aber es giebt auch entsetzlich Undankbare darunter, und dazu gehört mein Spitz, der es macht wie die meisten Menschen, das heißt, der nichts leichter vergessen kann, wie empfangene Wohlthaten. Vielleicht hast du doch Unrecht, erwiderte der Kapitain, denn ist es nicht recht gut denkbar, daß er einen älteren Wohlthäter hatte, der ihn groß zog, und zu dem er zurückkehrte, weil er dankbar sich seiner erinnerte, und es ihm schuldig zu sein glaubte.
Was aber die Klugheit betrifft, so will ich dir ein Beispiel von meinem eigenen Hunde hier erzählen. Ich lag im vorigen Jahre mit meinem Schiffe bei der Insel St. Thomas vor Anker und hatte außer diesem spanischen Bluthund einen kleinen zottigen Rattenfänger an Bord. Beide Hunde lebten in genauer Freundschaft, spielten und schliefen zusammen und waren die Lieblinge der Mannschaft. Als ich eines Tages an’s Land fuhr, begleitete mich der Kleine, und während ich im Zollamte zu thun hatte, fielen die Hunde der Zollwächter über meinen armen Rattenfänger her und zerbissen ihn so arg, daß er kaum mit dem Leben davonkam. Uebel zugerichtet brachte ich ihn wieder auf’s Schiff und wimmernd vor Schmerzen kroch er in seine Hütte, wo sich bald sein Kamerad zu ihm gesellte, der seine Wunden leckte und ihn möglichst zu trösten und zu helfen schien. Am zweiten Tage aber, als ich ein Boot an’s Land schickte, sprangen die beiden Hunde mit hinein und erschienen, der Kleine von dem Großen begleitet, keck auf dem Bollwerke, wo die Wächterhunde lagen. Der Rattenfänger suchte sich die auf, welche ihm am ärgsten zugeſetzt hatten, und überlieferte sie seinem starken Freunde, denn sobald der Kleine mit wildem Gebell auf einen der Verbrecher lossprang, wurde er von dem Spanier gepackt und derb abgeschüttelt, bis die Zollhaushunde sämmtlich Reißaus nahmen, und vie beiden Sieger nun stolz auf dem Bollwerk umherspazierten. — Ich habe oſt darüber nachgedacht, wie es möglich gewesen sei, daß der Kleine dem Großen sein Leid geklagt, und dieser ihm Genugthuung zugesagt habe. Dennoch aber muß eine Verständigung und Verabredung zwischen ihnen stattgefunden haben und die Seelenzustände der Thiere eine solche möglich machen. Die beiden Freunde sprachen noch über diesen merkwürdigen Beweis des Seelenlebens der Thiere, als auf der Straße an der Hausthür sich ein heftiges Gebell und Geheul erhob und der Arzt aufspringend ausrief: So wahr ich lebe, das ist die Stimme meines Spitzes!
So war es wirklich, es war der Spitz, der, als die Thüren geöffnet wurden, herein stürzte, und mit den Zeichen der lebhafteſten Freude den Doktor umsprang, dann aber sich vor ihm auf die Hinterfüße setzte, bittend die Pfoten ausstreckte und wieder zur Thier lief, umkehrte, bellte und von Neuem zurückeilte, als lade er seinen Wohlthäter zur Nachfolge ein. Er will ganz sicher, daß du ihn begleitest, sagte der Kapitain, laß uns sehen, was er vorhat.
Der Spitz sprang die Treppe hinunter, da stand an der Hausthür ein kleiner Pudel, der das Bein gebrochen hatte, und also offenbar von dem Spitz hierher geführt worden war, damit der Doktor an ihm thue, was ihm selbst geschehen war.
O! du Schelm, rief der Arzt, sorgst du so für meine Kundschaft in der Stadt, ist das deine Dankbarkeit? Der Spitz sah ihn mit seinen listigen Augen an und verdoppelte seine Liebkosungen. Was will ich machen, fuhr der gute Mann fort, ich muß es schon thun, was sollte aus meinem Rufe werden?! So nahm er denn auch den armen Pudel in die Kur und stellte ihn glücklich wieder her. Dann und wann kam der Spitz, um seinen kranken Freund zu besuchen, und nun hatte der Arzt Gelegenheit nachzuforschen, wer der Herr des sonderbaren Thieres sei. Es fand sich, daß er einem armen Handwerker gehöre, und daß der Kapitain in seinen Vermuthungen ganz recht hatte. — Der Hund war von dem Manne ganz klein aufgezogen worden und lebte als Familienmitglied mit den Kindern des Hauses in engster Freundschaft. Der Pudel war sein Nachbar und guter Kamerad. Es ging dem Spitz nicht eben zum besten, denn oft gab es nur schmale Bissen für ihn. Im Hause des Arztes wäre er weit besser genährt worden, allein seine Anhänglichkeit war größer als sein Verlangen nach guten Tagen, doch kam er später von Zeit zu Zeit und machte seinem Wohlthäter einen Besuch, unter tausend Freudensprüngen kehrte er aber immer wieder zu der armen Familie zurück.
Quellenangabe:
Der kleine Thierfreund. Zur Belehrung und Ermunterung der Jugend. Herausgegeben von dem Verein gegen Thierquälerei in Berlin. 1849
Gezeichnet von Th. Hosemann, gestochen von John Allanson. Verlegt von M. Simion in Berlin



